Miki's Blog
08. Juli 2008 10:48
Ole mit einem ´ über dem e
Ernest Hemingway schrieb 1926 den Roman "The Sun Also Rises" (dt. Fiesta) und brachte damit die Stadt Pamplona in Nordspanien einem größeren Publikum nahe. Durch Pamplona führt ein Zweig des seit Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg" Bestsellers berühmten Jakobsweges. Der Fußballclub CA Osansuns spielt da, ach ja, und ein VW Werk gibt es da auch...
Keine besondere Beachtung würde man dieser Stadt schenken, würden sich nicht Jahr um Jahr tausende "Verrückte" durch die engen Gassen der Altstadt Pamplonas von wilden 600 Kilo Stieren jagen, treiben, überrennen, durch die Luft wirbeln und manchmal aufspießen lassen. Der Encierro. Nachdem man die ca. 800 Meter geschafft hat, kommt man in der Stierkampfarena an. Spätestens am Abend sind die Stiere nach dem Stierkampf vom Matador getötet worden. Tierschutzorganisationen klagen an, dass die Stiere in den letzten Tagen vor dem "Event" mit Absicht geschwächt werden, um keine allzugroße Gefahr für die Stierkämpfer darzustellen. Hörner werden angesägt, Vaseline wird in die Augen geschmiert, Watte in die Nasenlöcher, sehr wenig Wasser wird ihnen zur Verfügung gestellt. Und so kommt der geschwächte, schwer atmende, beinahe blinde Stier in den Zirkus dieser seltsamen Menschen, um zu sterben. Diese Woche ist es wieder so weit. Die Menschen in Pamplona rennen wieder. Über 1 Million Touristen werden in dieser Woche erwartet. Dann wird es wieder ruhig. Ungerechtigkeit - kein Kampf mit gleichen Waffen.
Und dann passiert es doch manchmal. Der Stier sieht buchstäblich rot und schafft es, sich zu wehren. Er springt über die Abgrenzung, Mitten ins Publikum. Jaaa, endlich mal. Er wirbelt einen Matador durch die Luft und manchmal tötet er einen zu selbstsicheren Stierkämpfer. Interessant, dass sich unser Mitleid für diese Menschen in diesem Fall in Grenzen hält. Man ist ja selbst schuld, es hat ihn ja niemand gezwungen, das arme Tier so zu quälen. Und so fühlen wir mit Hiob mit, weil er nichts dafür kann - Simson dagegen ist doof, weil er sich selbst verraten hat. Selbst schuld. Hmmm.
Wieviele schmerzhafte Erfahrungen hast du schon machen müssen, auf der die Etikette "Selbst schuld" steht? Wenn der andere selbst schuld ist, dann nicken wir klug mit dem Kopf und über uns blinkt eine Neontafel auf der "Ich habs ja damals schon gesagt" rotiert. Bin ich aber derjenige, der vom Stier durch die Luft gewirbelt wird, dann ist ein liebender Blick der Anteilnahme das einzige wonach ich suche. Wenigstens ein bisschen. Aber oftmals vergebens.
Hiobs Freunde versemmeln die ganze Sache, gerade weil sie ja so unendlich im Recht sind. Sie sind die typischen "kein Wunder, ist ja klar - Typen", die du am wenigsten brauchst, wenn du nur noch Moll hörst. Alles was du dann brauchst ist ein Ole mit einem ´ über dem e. Dieses stammt nämlich vom arabischen "wa-llah", (Spanien war über 600 Jahre unter der Herrschaft der Mauren) was so viel bedeutet wie "BEI GOTT". Irgendwann wurde es zu einer Schwurformel, "bei Gott", aber am Ende ist das Ole mit einem ´über dem e genau das, was ich will, wenn ich wieder mal selbst schuld bin. Bei Gott sein. "Wohin sonst sollten wir (auch) gehen" schreibt Thea Eichholz und wir singen das Lied in unseren Gottesdiensten. Nur zu Gott. Weil er lieben kann, unabhängig von der Schuld.
In Pamplona wird es dieser Tage nur verlierer geben. Die Stiere werden sterben und die Menschen werden nicht bereichert aus der Arena kommen. Die Bibel sagt, dass alle verloren haben (Römerbrief Kapitel 3), weil alle schuld sind und es keinen Gerechten gibt, auch nicht einen. Es sei denn, du weißt, wie man das Ole mit dem ´ über dem e ausspricht.
"Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du denn anderen richtest, verdammst du dich selbst, weil du eben dasselbe tust, was du richtest."
Römerbrief 2,1

